Kunstgalerie im Flüchtlingsheim

Beitrag von Stefanie Schöne in der Augsburger Allgemeine am 25.1.2016, Foto von Peter Fastl

Studentinnen bringen als Abschlussarbeit ihres Uni-Seminars in der Männerunterkunft Calmbergstraße Asylbewerber, Künstler und Bürger zusammen

„Ich habe schon immer gern gezeichnet und gemalt“, erzählt Charles Nsona. In seiner Heimatstadt Kinshasa, der Hauptstadt Kongos, war er neben seinem Frisörberuf auch Maler. Jetzt ist er seit sechs Jahren in Augsburg, davon die letzten drei im Asylbewerberheim Calmbergstraße, der ehemaligen Hindenburgkaserne. Seine neuesten Werke verewigte er während des Projekts „Kunstpassagen“ direkt auf den Wänden der heruntergekommenen Unterkunft. Eine Frau in Rosa mit schwarzen Haaren, auf Papier gezeichnete und an die Treppenhauswand geklebte Köpfe, mit grüner Wandfarbe gerahmt.

Mit der Aktion „Kunstpassagen“, zu der auch Charles’ Werke gehören, brachten Studentinnen der Medien- und Kommunikationswissenschaft am Wochenende kunstinteressierte Flüchtlinge, Augsburger Bürger und Künstler in der Calmbergstraße zusammen. Als Abschlussarbeit ihres Uni-Seminars „Public Relations for Social Profit Organisations“ stellten sie in Zusammenarbeit mit der Kulturwerkstatt „Volldabei“ im weitläufigen ersten Stock des alten Backsteinbaus eine besondere Ausstellung auf die Beine.

Nicht nur etwa 20 Augsburger Künstlerinnen und Künstler beteiligten sich. Das Kreativfieber befiel auch Teile der Hausbewohner wie Charles Nsona. Die Ausstellungsmacher Selina Rau, Henri Metzger, Sonja Junghans und Nicola Turko platzierten die etwa 40 zur Verfügung gestellten Werke in Zusammenarbeit mit Susanne Thoma, der Initiatorin von „Volldabei“. Ziel der Aktion: „Wir wollen, dass die Menschen, die unter unglaublichen Bedingungen hier wohnen, nicht vergessen werden. Außerdem demonstrieren sie selbst, dass sie kreativ sind und Talente haben. Damit sie Beachtung finden, präsentieren wir sie zusammen mit den etablierteren Augsburger Künstlern“, erklärt Selina Rau.

„Ein tolles Projekt“, findet Thoma. „Es bringt Menschen zusammen und Aufmerksamkeit für dieses Haus, das ja schon lange geschlossen sein sollte, weil es an sich unbewohnbar ist.“ Die Rechnung geht auf. In kleinen Gruppen ziehen Besucher durch die langen Gänge und das Treppenhaus. Eileen O’Rourke (35), Sozialarbeiterin und Malerin, gefällt die Initiative. Sie hat ein Atelier in der Kulturfabrik und zeichnete extra für die „Kunstpassagen“ ein überlebensgroßes, abstraktes Porträt mit Tusche auf Papier. Auch René Behrendt stellte ein Bild zur Verfügung. Er beteiligt sich zudem seit letztem Herbst an der Arbeit der Kulturwerkstatt „Volldabei“, die ihren Standort im Erdgeschoss des Hauses hat. Außerdem sind Werke aus der Grafittiszene zu sehen, darunter Werke von Shao, Cerow, Borg und Dabg, Künstler des Vereins „Die Bunten“.

Charles jedenfalls ist froh, dass mit den Bildern Leben eingezogen ist und zumindest dieses Stockwerk ein wenig von seiner Tristesse verloren hat. Dass die Regierung von Schwaben das marode Haus seit Jahrzehnten schweigend sich selbst überlässt, können jedoch weder er noch die Studentinnen und Helfer verstehen.

Zuspruch statt Feindseligkeit

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