Schöner Wohnen in der Calmbergstraße

Beitrag von Miriam Zissler in der Augsburger Allgemeinen vom 9.11.2015, Foto von Anne Wall

Wer die Eingangstür der Asylbewerberunterkunft an der Calmbergstraße hinter sich lässt und den Hausflur betritt, riecht bereits was hier passiert: Der Geruch von frischer Farbe und Putzmitteln liegt in der Luft. Aus der Ferne ertönt stimmungsvolle spanische Musik. Dazu wird im ersten Stock gekratzt, gescheuert und gewischt. Es ist „Putztag“ im Kunst-Camp der Nachbarschaftsinitiative „Voll dabei“. In den vergangenen Tagen ist auf dem Stockwerk viel passiert. Ende Oktober ging es los. Nachbarn, Künstler und Asylbewerber kamen zusammen, um zumindest einem Teil des 150 Jahre alten Gebäudes einen neuen Anstrich zu verpassen.
Eigentlich hätte das Heim schon lange geschlossen werden sollen, weshalb seit vielen Jahren nicht mehr in die Instandsetzung des Gebäudes investiert wurde. Doch angesichts der momentanen Flüchtlingssituation ist der Wunsch in weite Ferne gerückt – eine Ausgleichsimmobilie für die rund 120 dort lebenden Männer einfach nicht vorhanden. Susanne Thoma, Nachbarin im Antonsviertel und Initiatorin der Aktion, hat deshalb die Ärmel hochgekrempelt und angefangen, das Stockwerk neu zu gestalten.

Eine willkommene Abwechslung für die Bewohner

Wände, Tür- und Fensterrahmen wurden neu gestrichen – sogar ein kleines Kunstwerk ist unter Anleitung von Tine Klink entstanden. Der Senegalese Mamadu hat dabei geholfen. Er lebt seit vier Jahren im zweiten Stock der Einrichtung. „Dort ist es nicht so schön, wie jetzt hier.“. Dennoch hat er beinahe jeden Tag den freiwilligen Helfern der Aktion unter die Arme gegriffen. Für ihn war es eine willkommene Abwechselung, die auch noch sein Lebensumfeld verschönert. „Ich bin hier nur geduldet und kann nicht arbeiten. Ich habe mich gefreut, hier helfen zu können“, sagt er.

Soran lebt seit 2004 in der Calmbergstraße

Der Nordiraker Soran ist ebenfalls mit Feuereier dabei und schrubbt mit einem Spachtel den Dreck vom Holzboden an der Treppe. „So wird das alles menschenwürdiger“, sagt er. Seit 17 Jahren lebt er in Deutschland, seit 2004 in der Calmbergstraße. Viele der Männer in der Einrichtung sind schon seit über zehn Jahren dort. Sie kommen aus dem Irak, Afghanistan und afrikanischen Krisenstaaten. Viele sind depressiv, haben keinen Job.

Hilfe, weil ihnen selber geholfen wurde

Doch bei der Aktion packen viele an, so Susanne Thoma. Mit Farben, die gespendet wurden, konnte der Flur verschönert werden. „Alle wollen jetzt einen sandfarbenen Türrahmen, aber die Farbe haben wir gar nicht mehr“, sagt die Initiatorin, erstaunt darüber, wie sich die Aktion entwickelt hat. So kamen viel mehr freiwillige Helfer als erwartet. An diesem Tag putzen beispielsweise Lucia Marzo und Alessio Specchio die Gemeinschaftsküche im ersten Stock. Sie arbeitet in einem Bekleidungsgeschäft in der Innenstadt. Dort hatte eine Kollegin ihre Mitarbeiter über die Aktion informiert und viele hatten spontan ihre Hilfe zugesagt. „Ich musste es mit meinem Dienstplan abstimmen, aber wollte auf jeden Fall auch mit anpacken. Ich bin vor zwei Jahren aus Italien nach Deutschland gekommen, Alessio vor einem Jahr. Wir wissen, wie das ist, und haben selber Hilfe bekommen. Deshalb wollen wir auch helfen“, sagt sie und schrubbt den Dreck vom Herd. Zwei Augsburger mit türkischen Wurzeln, die in einem Putzdienst arbeiten, haben ebenfalls, nachdem sie von der Aktion gehört hatten, spontan ihr Kommen zugesagt. Am Putz-Tag fahren sie mit dem Bodenreinigungsgerät durch den Flur und wischen den Boden. Und auch Architekt Christian Z. Müller hat sich den Blaumann übergestreift und bringt an einem Fenster ein neues Glas an. „Ich kenne die Frau Thoma und wollte sie unterstützen. Neben meinem Studium habe ich auch eine Maurerlehre gemacht. Deshalb kann ich hier handwerklich einiges richten“, sagt er. Etwa auch die herausgeschlagenen Fliesen in der Küche erneuern.
2016 eine Neuauflage?
„Es ist nur ein Anfang. Wir haben die Aktion absichtlich ,Kunst-Camp 2015‘ genannt. Denn so kann es 2016 zu einer Neuauflage kommen“, sagt Susanne Thoma. Aber dafür braucht sie weiterhin die Unterstützung von freiwilligen Helfern und Sachspenden, wie Farbe und Putzzeug. „Wenn es genug Leute gibt, die mitmachen würden, können wir das wiederholen. Es ist aber schon viel Aufwand. Für die Aktions sind insgesamt 598 Arbeitsstunden zusammengekommen“, sagt Thoma. Gestern feierten die Teilnehmer den Abschluss der Aktion. Claudia Roth, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, und Umweltreferent Reiner Erben besichtigten den neu gestalteten Bereich.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.